Immer gleich ehem. Beziehen

In unserem Kopf entstehen Geschichten

Er steht auf der Straße, im Wald, auf der Wiese, vor Häusern, im Parkhaus, im Keller, vor Fußballtoren, vor dem Supermarkt, auf einem Aussichtsturm, vor der Universität, mitten in der Innenstadt, auf Dächern, zwischen Toiletten, vor einer Wand, zwischen Ruinen, auf dem Spielplatz, vor der Kirche oder auf dem Friedhof. Einzeln genommen steht jede Fotografie für sich. Die Fotografien wirken verrückt, unwirklich, weltfremd, befreiend, beengend, künstlich, traurig, einsam, unmoralisch, unethisch, albern, witzig….

Doch im Kontext zeigt sich, dass die Verknüpfung der zwei Elemente zusammen mit unseren Erfahrungen, Einstellungen und Vorurteilen diese Interpretationen erzeugen. Das Umfeld und der nackte Mensch für sich genommen stellen nichts Provokantes dar, sondern erst die Verbindung von beidem kann in unserem Kopf eine verwerfliche Situation ergeben.

In unserem Kopf entstehen Geschichten, die fernab der wahren Begebenheit bei uns zu Schlussfolgerungen führen, die objektiv gesehen nichts mit dem abgebildeten Geschehnis gemeinsam haben. Hinter jeder einzelnen Fotografie steht eine Geschichte für sich. Im Grunde kann keine allgemeingültige wahre Aussage existieren, da jeder für sich durch seine individuelle Sichtweise, seine Lebenserfahrungen und Emotionen seine eigene Wahrheit bildet.

Nacktheit ist das Natürlichste an sich. Doch erzeugt sie in Verbindung mit der Umgebung eine Künstlichkeit, die in uns vielleicht die Frage aufwerfen sollte: „Wie natürlich ist der Mensch eigentlich noch in dieser Welt?“ Valentin Winhart

Die Fotoserie war für uns beide ein Experiment, eine Erfahrung, an der wir gewachsen sind. Anfangs von Zurückhaltung geprägt, trauten wir uns im Laufe des Projektes immer mehr zu. Unsere Motive rückten immer weiter in die Öffentlichkeit. Stefan Natzel überwand seine Scham und seine eigenen Grenzen. Während des Projektes wirkte er bei einer Nackt- performance im Rahmen einer Ausstellung mit und spielte vollkommen unbekleidet bei einer Theateraufführung mit.

Die Reaktionen von Passanten, welche zufällig während unserer Fotoarbeiten vorbei kamen, waren weitaus weniger negativ, als wir zu Anfang dachten. Im wesentlichen gab es drei Arten von Reaktionen:

Die erste Art von Menschen bemerkte uns schlicht und ergreifend gar nicht. Sie waren so mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen selbst eine unpassende Erscheinung, wie ein nackter Mensch, nicht auffiel. Hierbei muss ich erwähnen, dass der Zeitraum, in dem er wirklich vollkommen nackt war, nur wenige Minuten betrug.

Ein weiterer Teil der Menschen bemerkte unsere Anwesenheit und ignorierte uns dann möglichst schnell wieder. Ein kurzer Blick auf uns und dann gleich wieder weiter. Entweder schämten sie sich, wussten einfach nicht wie sie mit der Situation umgehen sollten, oder hatten es einfach zu eilig.

Die dritte Sorte Menschen blieb stehen und beobachtete uns. Sie schossen ein Foto, schrien etwas belustigtes oder gingen einfach grinsend vorbei.
Manchmal mussten wir auch abwägen, ob wir die Leute einweihten oder es einfach schnell durchzogen. Zwei amüsante Antworten waren: „Stört mich nicht, ich bin FKKler“ oder „Ich muss ja nicht hinsehen“.

Im Endeffekt stellte sich die Nacktheit des Models als kein großes Problem heraus, auch wenn wir anfangs irrtümlicherweise so etwas annahmen. Jeder Mensch ist nackt, kennt sich nackt und hat schon unzählige Menschen nackt gesehen. Der Wirbel beruht wohl alleine auf dem gesellschaftlichen Einfluss und dem Wirbel darum, den man selber macht. Die vielen tausend Menschen in München, die freiwillig um drei Uhr nachts für ein Foto von Spencer Tunick angetreten sind, nur um sich nackt abbilden zu lassen, verdeutlichen das alles. Stefan Natzel nahm übrigens auch daran teil.

„Nackt sein, heißt frei sein. Frei von Ängsten und Zwängen. Ich dachte, die Leute wären aufgebracht, wenn ich nackt vor dem Rewe oder auf dem Friedhof stehe. Doch sie schmunzeln oder spannen, und schauen beschämt weg, wenn ich sie dabei erwische. Meistens nehmen sie mich gar nicht wahr. Ich glaube, die anfängliche Aufregung um meine Nacktheit war übertrieben. Unter der Hose ist jeder nackt, und man hat alles schon gesehen. Das sage ich, bis ich auf prüde Moralisten treffe, die angezogen und wütend sind.“ Stefan Natzel


Studiumprojekt

Kommunikationsdesignprojekt

Date

2012-14

Category

Print, Menschen

Exhibition

Werkschau 2012/13 Fakultät für Design München, Kulturtage Ebersberg 2012, Artesano 2013